Relative Stärke im Trading: Die stärksten Aktien und Coins finden
Relative Stärke vergleicht die Entwicklung eines Wertes mit einer Referenz, meist einem breiten Index oder der eigenen Branche. Entscheidend ist, dass es sich um eine Rangfolge handelt und nicht um einen Schwellenwert: Du suchst nicht Werte, die stark genug sind, sondern die stärksten aus einer festen Auswahl. Genau diese Verschiebung von einer absoluten zu einer relativen Betrachtung ist der Kern jeder Momentum Strategie.
Was ist relative Stärke genau?
Ein Wert hat relative Stärke, wenn er sich über einen definierten Zeitraum besser entwickelt hat als seine Referenz. Das gilt in beide Richtungen: In einer Aufwärtsphase steigt er schneller, in einer Korrektur fällt er weniger stark. Beides zusammen ist das eigentliche Signal.
Der absolute Kursanstieg allein sagt dagegen wenig. Ein Wert, der zwanzig Prozent gestiegen ist, während der Gesamtmarkt dreißig Prozent zulegte, ist trotz des Gewinns ein Nachzügler. Umgekehrt kann ein Wert, der fünf Prozent verloren hat, relative Stärke besitzen, wenn der Markt im selben Zeitraum fünfzehn Prozent abgegeben hat.
Nicht zu verwechseln mit dem RSI
Eine Namensverwirrung, die regelmäßig für Missverständnisse sorgt: Der Relative Strength Index misst keine relative Stärke im hier beschriebenen Sinn. Er vergleicht einen Wert mit seiner eigenen Vergangenheit und sagt nichts über andere Werte aus. Relative Stärke im Sinne dieses Artikels ist immer ein Vergleich zwischen mindestens zwei Instrumenten. Die beiden Konzepte teilen einen Namensbestandteil und sonst nichts.
Wie misst du relative Stärke konkret?
Zwei Wege sind gebräuchlich und liefern ähnliche Ergebnisse.
Der Vergleich der Wertentwicklung. Du berechnest die prozentuale Veränderung des Wertes und die der Referenz über denselben Zeitraum und bildest die Differenz. Einfach zu rechnen, einfach zu vergleichen, und für eine Rangliste vollkommen ausreichend.
Das Verhältnis als Kurve. Du teilst den Kurs des Wertes durch den Kurs der Referenz und trägst das Ergebnis als eigene Linie auf. Steigt diese Linie, entwickelt sich der Wert besser als die Referenz. Der Vorteil ist die Sichtbarkeit des Verlaufs: Du siehst, ob die relative Stärke gerade zunimmt oder bereits abbröckelt, auch wenn der Kurs selbst noch steigt.
Der zweite Weg liefert außerdem das nützlichste Ausstiegssignal einer Momentum Strategie, nämlich den Verlust relativer Stärke bei noch stabilem Kurs.
Welchen Vergleichsmaßstab wählst du?
Die Referenz bestimmt, was du überhaupt misst, und sollte deshalb zur Handelsidee passen.
- Ein breiter Index beantwortet die Frage, ob der Wert besser läuft als der Markt insgesamt. Der Standardfall.
- Die eigene Branche beantwortet die schärfere Frage, ob der Wert innerhalb seines Umfelds führt oder nur mit einem starken Sektor mitschwimmt.
- Bei Kryptowerten ist die Leitwährung die übliche Referenz, weil sie die Frage beantwortet, ob aktives Handeln überhaupt mehr bringt als schlichtes Halten.
Sinnvoll ist die Kombination aus den ersten beiden: erst prüfen, ob die Branche gegenüber dem Markt führt, dann innerhalb der Branche auswählen. Wer nur gegen den Gesamtmarkt misst, landet oft mit mehreren Werten aus demselben starken Sektor im Depot, was die Streuung nur vortäuscht.
Welchen Zeitraum solltest du betrachten?
Sehr kurze Zeiträume von wenigen Tagen messen überwiegend Zufall. Sehr lange Zeiträume von mehreren Jahren erkennen Trendwechsel zu spät. Dazwischen liegt ein breiter Bereich, in dem die genaue Wahl weniger wichtig ist als die Konstanz.
Praktikabel ist die Kombination zweier Fenster: ein mittleres über mehrere Monate für die grundsätzliche Einordnung und ein kürzeres über einige Wochen, das zeigt, ob die Stärke gerade zu- oder abnimmt. Ein Wert, der im langen Fenster führt und im kurzen zurückfällt, ist ein anderer Kandidat als einer, bei dem beide Fenster nach oben zeigen.
Wichtig: Entscheide dich einmal für deine Fenster, dokumentiere sie und ändere sie nicht mitten in einer schlechten Serie. Sonst optimierst du an der Vergangenheit statt an einer Regel.
Wie baust du daraus eine Rangliste?
In vier Schritten:
- Universum festlegen. Welche Werte kommen überhaupt in Frage? Ein kleines, konstantes Universum ist besser als ein großes, wechselndes.
- Liquiditätsfilter anwenden. Bevor du rankst, entfernst du Werte, bei denen deine Order den Kurs bewegen würde. Illiquide Titel landen in Ranglisten überdurchschnittlich oft oben, weil einzelne Käufe große Kursbewegungen erzeugen.
- Kennzahl berechnen und sortieren. Nach dem gewählten Verfahren, für alle verbliebenen Werte gleich.
- Nur den oberen Teil weiterverfolgen. Die Länge dieser Liste ist deine Entscheidung, sie sollte aber deutlich kleiner sein als das Universum.
Die Rangliste ist dabei keine Kaufliste, sondern eine Beobachtungsliste. Der Einstieg braucht zusätzlich ein Signal, dazu gleich mehr.
Wie oft prüfst du die Liste neu?
Hier gibt es einen echten Zielkonflikt. Prüfst du selten, bleibst du zu lange in Werten, die ihre Stärke bereits verloren haben. Prüfst du sehr häufig, tauschst du ständig und zahlst Kosten für Bewegungen, die nur Rauschen sind.
Ein wöchentlicher Rhythmus ist für die meisten Zeitrahmen ein brauchbarer Ausgangspunkt und passt zu einem festen Auswertungstermin. Entscheidend ist wieder die Konstanz: Ein fester Rhythmus erlaubt später die Auswertung, ein wechselnder nicht.
Was bedeutet nachlassende relative Stärke?
Dieser Fall verdient eine eigene Betrachtung, weil er der häufigste Anlass für einen Ausstieg ist und gleichzeitig am schwersten zu akzeptieren.
Nachlassende relative Stärke heißt: Der Wert entwickelt sich schlechter als seine Referenz, obwohl sein Kurs möglicherweise noch steigt. In der Verhältniskurve sieht man es sofort, im normalen Chart oft gar nicht. Für einen Momentum Ansatz ist das ein Verkaufsgrund, weil die Handelsidee ausschließlich auf dem Vorsprung gegenüber anderen beruht und nicht auf dem absoluten Anstieg.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen Momentum und reiner Trendfolge. In einer Trendfolge verkaufst du, wenn der Trend bricht. In einer Momentum Strategie verkaufst du zusätzlich, wenn der Wert seinen Platz in der Rangfolge verliert, auch bei intaktem Trend. Wer beide Logiken vermischt, hat am Ende weder klare Ein- noch klare Ausstiege.
Praktisch brauchst du dafür eine Regel mit einer beobachtbaren Bedingung, etwa ein Abrutschen unter einen definierten Rang oder eine über mehrere Wochen fallende Verhältniskurve. Ohne solche Bedingung wird aus dem Signal eine Ermessensfrage, und Ermessensfragen entscheidet man im Zweifel zugunsten des Haltens.
Welche Fallstricke gibt es?
Vier treten regelmäßig auf.
Der einmalige Sprung. Ein Wert, der wegen eines einzelnen Ereignisses stark gestiegen ist, steht in der Rangliste oben, hat aber keinen Trend. Prüfe deshalb den Verlauf und nicht nur die Kennzahl.
Die Sektorhäufung. Führt eine Branche, füllt sie deine Rangliste. Fünf Positionen aus einem Sektor verhalten sich an einem schlechten Tag wie eine größere Position.
Die Verwechslung von Aufmerksamkeit und Stärke. Werte, über die viel gesprochen wird, wirken relevanter. Aufmerksamkeit ist aber keine Kennzahl.
Der Ausbruch, den es schon gab. Ein hoher Rang bedeutet nicht, dass jetzt ein guter Einstieg vorliegt. Wie du das prüfst, steht unter Breakout Trading.
Wie kombinierst du relative Stärke mit einem Einstiegssignal?
Die Rangliste beantwortet die Frage nach dem Was, das Signal die Frage nach dem Wann. Beide sind nötig.
Praktisch heißt das: Aus der Rangliste entsteht deine Beobachtungsliste. Für jeden Wert darauf definierst du vorab ein Einstiegsniveau, einen Stopp und die daraus folgende Stückzahl. Erreicht der Kurs dein Niveau, wird die vorbereitete Order ausgelöst. Erreicht er es nicht, passiert nichts.
Wie du diesen Ablauf in deinen Tag einbaust, hängt vom Zeitrahmen ab, siehe dazu Swing Trading vs Daytrading. Die Grundlagen der Strategie stehen unter Momentum Trading Strategie.
Was gehört ins Journal?
Drei Felder je Trade machen die Auswahl später auswertbar: der Rang des Wertes zum Zeitpunkt des Einstiegs, die verwendete Referenz und das Verhalten im kurzen Fenster, also ob die Stärke gerade zunahm oder nachließ.
Nach dreißig bis fünfzig Trades kannst du prüfen, ob dein Ranking überhaupt trennscharf ist. Wenn Trades aus den obersten Rängen nicht besser abschneiden als die übrigen, misst dein Verfahren nichts Nützliches, und das ist eine wertvolle Erkenntnis. Die Felder dafür liefert ein strukturiertes Trading Journal.
Fazit
Relative Stärke ist eine Rangfolge und kein Schwellenwert, und sie hat mit dem gleichnamigen Indikator nichts zu tun. Wähle eine Referenz, die zu deiner Idee passt, kombiniere ein mittleres mit einem kurzen Zeitfenster und filtere vor dem Ranking nach Liquidität. Aus der Rangliste entsteht eine Beobachtungsliste, nicht eine Kaufliste. Und prüfe im Journal, ob dein Ranking überhaupt einen Unterschied macht.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Handel mit Wertpapieren und Kryptowerten ist mit dem Risiko von Verlusten bis zum Totalverlust verbunden.