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Slippage messen: Der Unterschied zwischen geplantem und echtem Einstieg

9 Min. Lesezeit

Slippage ist die Differenz zwischen dem Kurs, zu dem du handeln wolltest, und dem Kurs, zu dem du tatsächlich gehandelt hast. Erfasst du sie je Trade und normierst sie auf dein Risiko, wird aus dem Satz "der Markt läuft immer gegen mich" eine Zahl, die du auswerten und verändern kannst. Und sie beantwortet die wichtigste Frage überhaupt: Hast du ein Strategieproblem oder ein Ausführungsproblem?

Was ist Slippage genau?

Der Abstand zwischen geplantem und erzieltem Kurs, mit Vorzeichen. Sie kann zu deinen Lasten ausfallen, wenn du schlechter ausgeführt wirst als geplant, und zu deinen Gunsten, wenn es besser läuft. Genau deshalb gehört sie mit Vorzeichen erfasst und nicht als Betrag.

Nicht dasselbe sind Gebühren. Sie sind bekannt, planbar und stehen in der Abrechnung. Slippage entsteht dagegen erst im Moment der Ausführung und ist vorher nur schätzbar. Beides gehört im Journal in getrennte Spalten, weil du an beiden Stellen völlig unterschiedliche Hebel hast.

Auch nicht dasselbe ist die Geld-Brief-Spanne. Sie ist eine Eigenschaft des Marktes und liegt vor deiner Order, Slippage misst, was darüber hinaus passiert ist. In der Praxis überlagern sich beide, und deshalb ist die Wahl des Referenzkurses die entscheidende Vorfrage.

Welcher Referenzkurs ist der richtige?

Der Kurs, der zum Zeitpunkt deiner Entscheidung galt, also der Kurs, den dein Signal ausgelöst hat. Nicht der Kurs, den du beim Absenden der Order gesehen hast, und schon gar nicht ein im Nachhinein als fair empfundener Wert.

Der Grund ist einfach: Nur der Entscheidungskurs macht die Zahl über verschiedene Situationen vergleichbar. Wer den Kurs beim Absenden nimmt, blendet genau den Teil aus, der in hektischen Phasen am teuersten ist, nämlich die Zeit zwischen Entschluss und Klick.

Wichtig ist vor allem, dass du dich für eine Definition entscheidest und sie über Monate unverändert lässt. Eine Kennzahl, deren Bezugspunkt wechselt, ist keine Zeitreihe. Notiere die Definition schriftlich, so wie du es auch für deine übrigen Kennzahlen tun solltest, siehe die wichtigsten Kennzahlen.

Wie normierst du Slippage?

In R, also im Verhältnis zu deinem Anfangsrisiko im jeweiligen Trade. Ein Beispiel mit frei gewählten Zahlen: Liegt dein Abstand zwischen Einstieg und Stop bei zwei Euro und wurdest du zwanzig Cent schlechter ausgeführt, sind das 0,1 R.

Diese Normierung hat drei Vorteile. Sie macht Trades unterschiedlicher Größe vergleichbar, sie macht verschiedene Instrumente vergleichbar, und sie ist direkt mit deinem Ergebnis verrechenbar, weil dein Ergebnis ohnehin in R gemessen werden sollte.

Prozent vom Kurs ist die zweitbeste Wahl. Sie ist einfacher zu berechnen, sagt aber nichts darüber aus, wie stark die Abweichung im Verhältnis zu deinem Risiko wiegt. Zwanzig Cent sind bei einem engen Stop viel und bei einem weiten wenig, und genau diesen Unterschied bildet nur R ab.

Wo entsteht Slippage überhaupt?

An vier Stellen, die sich getrennt beobachten lassen und getrennt beobachtet werden sollten.

  • Ordertyp. Eine Order, die sofort ausgeführt werden soll, nimmt den Kurs, den sie bekommt. Eine Order mit Kurslimit nimmt ihn nicht, dafür bleibt sie unter Umständen unausgeführt.
  • Liquidität. Dünne Bücher und Randzeiten kosten mehr. Das gilt für Nebenwerte ebenso wie für kleinere Handelspaare.
  • Ereignisse. Termine mit erwarteter Bewegung erzeugen Sprünge, in denen zwischen zwei Kursen schlicht nichts gehandelt wird.
  • Stops. Der teuerste Fall, weil eine ausgelöste Stop-Order in vielen Ausführungsarten zu einer sofort auszuführenden Order wird und damit genau dann Slippage aufnimmt, wenn der Markt schnell läuft.

Aus dem letzten Punkt folgt eine praktische Empfehlung: Erfasse Slippage getrennt für Einstieg und Ausstieg. Beide haben unterschiedliche Ursachen und unterschiedliche Lösungen, und in vielen Journalen liegt der größere Betrag beim Ausstieg.

Wie unterscheidest du Strategie- von Ausführungsproblem?

Indem du deine Kennzahlen zweimal rechnest, einmal auf Basis der geplanten Kurse und einmal auf Basis der tatsächlichen. Der Abstand zwischen beiden Werten ist die Antwort.

Ist die Strategie schon in der Bruttorechnung schwach, hast du ein Strategieproblem, und an der Ausführung zu arbeiten bringt nichts. Ist sie brutto tragfähig und netto nicht, ist die Idee in Ordnung und der Weg von der Idee zur Position ist es nicht. Das ist eine gute Nachricht, weil Ausführung deutlich schneller zu verändern ist als ein Setup.

Am besten eignet sich dafür eine Kennzahl, die dimensionslos ist und beide Seiten deiner Trades einbezieht. Wie du sie berechnest, steht unter Gewinnfaktor berechnen. Rechne sie einmal brutto und einmal netto, und du hast deine Ausführungsqualität als eine einzige Zahl.

Wonach wertest du aus?

Nach den drei Dimensionen, in denen du tatsächlich etwas ändern kannst. Alles andere ist interessant, aber folgenlos.

  1. Nach Instrument oder Handelspaar. Die häufigste Erkenntnis ist, dass ein einzelnes Instrument einen unverhältnismäßigen Anteil der gesamten Slippage trägt.
  2. Nach Tageszeit. Besonders aussagekräftig bei durchgehend geöffneten Märkten, weil sich Liquidität über den Tag deutlich verschiebt.
  3. Nach Ordertyp. Der direkte Vergleich zwischen sofort ausführenden und limitierten Orders, inklusive der Trades, die wegen des Limits nicht zustande kamen.

Die Voraussetzung dafür sind saubere Kategorien je Trade. Wie du sie anlegst, ohne dich zu verzetteln, steht unter Trades taggen. Und werte immer nur eine Dimension gleichzeitig aus, sonst zerfällt deine Stichprobe.

Was tust du gegen hohe Slippage?

Die naheliegende Antwort, mehr mit Kurslimit zu arbeiten, ist nur die halbe Antwort. Ein Limit tauscht Slippage gegen nicht ausgeführte Trades, und ob dieser Tausch sich lohnt, hängt davon ab, welche Trades dir dadurch entgehen.

Deshalb gilt: Wer auf Limits umstellt, muss die entgangenen Trades mitzählen. Notiere jede Order, die wegen des Limits nicht ausgeführt wurde, und was aus dem Signal geworden wäre. Ohne diese Gegenrechnung siehst du nur die eingesparte Slippage und nicht ihren Preis.

Drei weitere Hebel sind meist wirksamer, weil sie keinen solchen Tausch verlangen: Randzeiten mit dünner Liquidität meiden, in Instrumenten mit auffällig hoher Slippage die Positionsgröße reduzieren, und Ereignisse mit erwarteter Bewegung als eigene Kategorie behandeln statt als normalen Handelstag.

Hängt Slippage an deiner Positionsgröße?

Ja, und diese Auswertung ist die am häufigsten übersehene. Je größer deine Order im Verhältnis zu dem, was im Markt gerade angeboten wird, desto weiter musst du im Orderbuch nach oben oder unten gehen, um vollständig ausgeführt zu werden.

Praktisch heißt das: Trage deine Ordergröße gegen die gemessene Slippage auf und schau, ob es einen Punkt gibt, ab dem die Abweichung überproportional steigt. Dieser Punkt ist deine praktische Kapazitätsgrenze im jeweiligen Instrument, und sie hat nichts mit deinem Risikobudget zu tun, sondern allein mit der Liquidität.

Wer diese Grenze kennt, hat eine Antwort auf eine Frage, die sich beim Wachsen des Kontos zwangsläufig stellt: ob die bisherige Strategie mit größeren Beträgen überhaupt noch dieselbe ist. In dünnen Instrumenten ist sie es oft nicht, und das zeigt sich zuerst in dieser Spalte.

Wie viele Trades brauchst du?

Genug in jeder einzelnen Ausprägung, nicht insgesamt. Wer nach zehn Trades in einem Instrument eine Aussage über dessen Ausführungsqualität trifft, misst einzelne Ereignisse und keinen Zusammenhang.

Schau dir außerdem nicht nur den Durchschnitt an, sondern die Verteilung. Slippage ist in vielen Journalen schief verteilt: viele Trades nahe null und wenige mit großen Abweichungen. Ein Mittelwert versteckt genau diese wenigen Fälle, obwohl sie den Großteil der Kosten ausmachen. Wie du solche Auswertungen strukturiert angehst, steht unter Trade Review durchführen.

Praktisch heißt das: Sortiere einmal im Quartal nach der Höhe der Slippage und sieh dir die zehn teuersten Ausführungen einzeln an. Meist findest du dort zwei oder drei wiederkehrende Situationen, und die lassen sich gezielt abstellen.

Was gehört ins Journal, damit das funktioniert?

Vier Felder je Trade, und drei davon liefert eine Börsenanbindung von selbst: geplanter Kurs, tatsächlicher Ausführungskurs, Zeitstempel und Ordertyp. Nur der geplante Kurs muss von dir kommen, und zwar vor der Ausführung.

Das ist der eigentliche Aufwand an dieser Kennzahl, und er ist der Grund, warum sie so selten geführt wird. Nachträglich lässt sich der geplante Kurs nicht rekonstruieren, sondern nur erinnern, und Erinnerung passt sich dem Ergebnis an. Ein Trading Journal, in dem der geplante Kurs vor dem Absenden der Order steht, liefert die Auswertung danach ohne Zusatzaufwand.

Wer diese eine Spalte konsequent führt, hat nach einem Quartal eine Antwort auf eine Frage, die sonst dauerhaft offen bleibt: ob das Ergebnis an der Idee liegt oder am Weg dorthin.

Häufige Fragen