Maximaler Gegenlauf: Wie weit deine Trades gegen dich laufen
Der maximale Gegenlauf ist der größte Rückstand, den eine Position während deiner Haltedauer gegenüber dem Einstieg gezeigt hat. Er ist die einzige Journal-Kennzahl, die eine Entscheidung über deinen Stopp begründet, statt dein Ergebnis nur zu bewerten. Gewinnfaktor und Erwartungswert messen, was herausgekommen ist; diese Kennzahl messt den Weg dorthin.
Was ist der maximale Gegenlauf genau?
Der tiefste Punkt einer Position in die für dich falsche Richtung, gemessen ab dem Einstiegskurs und begrenzt auf die Zeit, in der du sie gehalten hast. Was nach dem Ausstieg passiert, gehört nicht dazu.
Diese Einschränkung ist wichtig, weil sie die Kennzahl von einer verwandten unterscheidet. Der maximale Gegenlauf beantwortet die Frage, wie viel Spielraum eine Position gebraucht hätte. Er beantwortet nicht die Frage, wie viel Gewinn dir entgangen ist, und beide Fragen werden regelmäßig vermischt.
Für einen Trade, der direkt ins Plus läuft und nie unter den Einstieg fällt, beträgt der Gegenlauf null. Für einen ausgestoppten Trade entspricht er mindestens dem Stoppabstand, oft etwas mehr, weil die Ausführung darunter lag.
Warum messt du ihn in R?
Weil die Frage lautet, wie sich der Gegenlauf zu deinem Risiko verhält, und nicht, wie groß er in Euro war. Ein Rückstand von zwei Euro ist bei einem Stoppabstand von zwei Euro ein voller Verlust und bei einem Stoppabstand von zehn Euro ein Fünftel davon.
Gerechnet wird also: Gegenlauf geteilt durch den Abstand zwischen Einstieg und ursprünglichem Stopp. Das Ergebnis liegt zwischen null und etwa eins, wobei Werte über eins genau die Fälle markieren, in denen der Stopp gerissen wurde.
Dieselbe Einheit brauchst du ohnehin für deine übrigen Kennzahlen, sodass sich der Gegenlauf direkt neben das Ergebnis legen lässt, siehe Erwartungswert berechnen.
Woher bekommst du den Wert?
Nicht aus der Abrechnung deines Anbieters. Dort steht, wann du gekauft und verkauft hast, aber nicht, was der Kurs dazwischen getan hat. Der Wert muss also aus Kursdaten kommen oder aus einer Software, die den Verlauf je Position mitschreibt.
Das ist ein handfestes Argument gegen die reine Tabellenlösung. Alle anderen Journalfelder lassen sich abtippen, dieses nicht, weil es eine Zeitreihe je Position voraussetzt. Wo Tabellen sonst an Grenzen stoßen, steht unter Trading Journal Excel Vorlage.
Ein Behelf für den Anfang: Notiere je Trade nur, ob der Kurs zwischenzeitlich unter einer von dir gesetzten Marke lag, etwa bei der Hälfte deines Stoppabstands. Das ist kein exakter Gegenlauf, reicht aber für die erste Auswertung und kostet nichts.
Wie wertest du ihn aus?
Getrennt für Gewinn- und Verlusttrades. Das ist der gesamte Nutzen dieser Kennzahl, und in einer gemeinsamen Auswertung verschwindet er vollständig.
Der Gegenlauf deiner Gewinner
Hier liegt die eigentliche Information. Wenn deine funktionierenden Trades regelmäßig einen Gegenlauf von 0,8 R oder mehr zeigen, arbeiten sie hart an deiner Stoppgrenze, und ein etwas weiterer Stopp hätte einige davon gerettet, die dich tatsächlich getroffen haben.
Liegt der Gegenlauf deiner Gewinner dagegen überwiegend deutlich unter einem halben R, brauchen funktionierende Trades bei dir wenig Spielraum. Dann ist dein Stopp eher zu weit als zu eng, und du zahlst für Spielraum, den du nicht nutzt.
Der Gegenlauf deiner Verlierer
Diese Verteilung sagt weniger, als man erwartet, denn sie endet zwangsläufig beim Stopp. Interessant ist nur die Frage, wie viele deiner Verlierer den Stopp knapp und wie viele ihn deutlich überschritten haben.
Der Vergleich beider Verteilungen
Erst der Vergleich erlaubt eine Entscheidung. Ein weiterer Stopp rettet Gewinner mit hohem Gegenlauf, macht aber gleichzeitig jeden Verlierer teurer, und zwar alle. Die Rechnung lautet also: Wie viele Trades würde ein um einen bestimmten Betrag weiterer Stopp retten, und was kostet derselbe Betrag bei allen Verlusttrades zusammen?
Diese Rechnung ist der Kern des Themas, und sie fällt in beide Richtungen aus. Es gibt Journale, in denen ein weiterer Stopp klar besser ist, und andere, in denen er die Rechnung verschlechtert.
Welche Entscheidung folgt daraus?
Eine von drei, und jede ist eine bewusste Änderung mit einem Datum.
- Stopp weiter setzen und die Positionsgröße entsprechend senken, damit das Risiko je Trade unverändert bleibt. Das ist die häufigste richtige Antwort und wird am häufigsten falsch umgesetzt, weil die Größe mitgezogen wird statt gesenkt.
- Stopp enger setzen, wenn deine Gewinner kaum Spielraum brauchen. Das erhöht die Zahl der Fehlausstiege, verbessert aber das Verhältnis von Ertrag zu Risiko je funktionierendem Trade.
- Nichts ändern und stattdessen den Einstieg verbessern, wenn der Gegenlauf über alle Trades hoch ist. Ein durchweg hoher Gegenlauf deutet auf zu frühe Einstiege hin und nicht auf einen falschen Stopp.
Die dritte Möglichkeit wird selten gezogen und ist oft die wirksamste, weil sie die Ursache und nicht das Symptom betrifft.
Was ist die naheliegende Fehlanwendung?
Den Stopp rückwirkend so zu setzen, dass die vergangenen Trades gut aussehen. Wer den Stopp genau hinter den größten beobachteten Gegenlauf legt, hat nicht optimiert, sondern die Vergangenheit abgeschrieben.
Der Grund ist einfach: Der größte beobachtete Gegenlauf ist ein Extremwert aus einer Stichprobe, und der nächste Extremwert liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit darüber. Ein daran angepasster Stopp ist im nächsten Abschnitt wieder zu eng.
Arbeite deshalb mit der Verteilung und nicht mit dem Maximum. Brauchbar ist die Frage, welcher Stoppabstand einen großen Teil deiner Gewinner abgedeckt hätte, nicht welcher alle abgedeckt hätte. Und ändere eine Größe zur Zeit, damit die Wirkung zuordenbar bleibt.
Was ist mit dem Lauf in deine Richtung?
Das ist die Spiegelkennzahl, und sie beantwortet eine andere Frage. Der größte Vorlauf einer Position, also ihr höchster Stand zu deinen Gunsten während der Haltedauer, sagt nichts über deinen Stopp, sondern etwas über dein Ziel.
Beide zusammen ergeben ein vollständiges Bild einer Position: wie viel Spielraum sie gebraucht hat und wie viel sie hergegeben hat. Getrennt zu halten sind sie trotzdem, weil sie zu verschiedenen Entscheidungen führen. Der Gegenlauf betrifft den Stopp, der Vorlauf das Ziel und den Ausstieg.
Praktisch nützlich ist der Vorlauf vor allem bei Verlusttrades. Wenn deine Verlierer regelmäßig zwischenzeitlich deutlich im Plus lagen, bevor sie gedreht haben, liegt das Problem nicht im Einstieg und nicht im Stopp, sondern im Ausstieg.
Wer beides erfasst, sollte trotzdem eine Kennzahl zur Zeit auswerten und eine Größe zur Zeit ändern. Zwei gleichzeitige Änderungen lassen sich hinterher nicht mehr zuordnen.
Wie viele Trades brauchst du?
Mehr als für die übrigen Kennzahlen, weil du hier eine Verteilung und nicht einen Mittelwert brauchst. Dreißig bis fünfzig Trades unter unveränderten Regeln sind die Untergrenze, und zwar je Setup, wenn du getrennt auswertest.
Sieh dir außerdem nicht nur den Durchschnitt an. Ein mittlerer Gegenlauf von 0,4 R kann bedeuten, dass alle Trades bei 0,4 R lagen, oder dass die Hälfte bei null und die Hälfte bei 0,8 R lag. Für deine Stoppentscheidung sind das zwei völlig verschiedene Lagen.
Wie du solche Auswertungen strukturiert und ohne Zufallsdeutung angehst, steht unter Trade Review durchführen.
Was gehört zusätzlich ins Journal?
Vier Felder, von denen drei ohnehin vorhanden sein sollten: Einstiegskurs, ursprünglicher Stopp, Ergebnis in R und der Gegenlauf in R. Wichtig ist das Wort ursprünglich beim Stopp, denn wenn du nachziehst, muss der zuerst gesetzte Wert erhalten bleiben, sonst ist der Bezug für die Rechnung weg.
Ergänzend lohnt eine Spalte für die Ausführungsabweichung, weil ein Gegenlauf über eins zwei Ursachen haben kann: einen echten Sprung über das Niveau oder eine schlechte Ausführung. Die Unterscheidung steht unter Slippage messen.
Ein Trading Journal mit Kursanbindung berechnet den Gegenlauf selbst, sobald Einstieg und Ausstieg erfasst sind. Der ursprüngliche Stopp ist auch hier das einzige Feld, das aus deiner Planung kommen muss, und er muss vor dem Trade dort stehen. Welche Kennzahlen darüber hinaus tragen, steht im Überblick zu den wichtigsten Kennzahlen.