R Multiple im Trading: Risiko und Ertrag richtig messen
Ein R Multiple misst das Ergebnis eines Trades in Vielfachen des Risikos, das du beim Einstieg eingegangen bist. 1R ist der Betrag, den du verloren hättest, wenn dein ursprünglicher Stopp ausgelöst worden wäre. Ein Trade mit plus 3R hat also das Dreifache des Einsatzrisikos eingebracht, unabhängig davon, ob es um 90 Euro oder 9.000 Euro ging.
Was ist ein R Multiple?
R steht für Risiko. Die Einheit ist bewusst relativ: Sie normiert jedes Ergebnis auf das, was du vor dem Einstieg bereit warst zu verlieren.
Das löst ein Problem, das Euro-Beträge nicht lösen können. Ein Gewinn von 400 Euro sagt für sich genommen nichts aus. War die Position klein und der Stopp eng, ist das ein exzellenter Trade. War die Position groß und der Stopp weit, kann derselbe Betrag ein schwaches Ergebnis für ein hohes Risiko sein. Erst die Umrechnung in R macht beide Fälle vergleichbar.
Genau deshalb ist R die übliche Einheit, wenn Trader über Setups sprechen. Sie funktioniert über Konten unterschiedlicher Größe, über Aktien und Kryptowerte hinweg und über Zeiträume, in denen sich dein Kapital verändert hat.
Wie berechnest du R?
Du brauchst genau zwei Werte, und beide stehen vor der Order fest:
1R = (Einstiegskurs minus ursprünglicher Stoppkurs) x Stückzahl
R Multiple = Trade-Ergebnis / 1R
Ein Rechenbeispiel mit zur Veranschaulichung gewählten Zahlen. Du kaufst 100 Stück zu 50 Euro und setzt den Stopp auf 47 Euro:
- Risiko je Stück: 3 Euro
- 1R = 3 Euro x 100 = 300 Euro
Steigst du bei 59 Euro aus, beträgt der Gewinn 900 Euro. In R gerechnet sind das 900 geteilt durch 300, also plus 3R. Läuft der Trade dagegen in den Stopp, ist das Ergebnis minus 1R.
Der Reiz zeigt sich beim zweiten Beispiel. Ein anderer Trade mit 20 Stück, 4 Euro Stoppabstand und 80 Euro Risiko, der 240 Euro einbringt, ist ebenfalls plus 3R. In Euro liegen zwischen beiden Trades Welten, in R sind sie identisch, und genau das brauchst du für eine ehrliche Auswertung.
Welcher Stopp zählt für die Berechnung?
Immer der ursprüngliche, also der, der beim Einstieg gesetzt war. Das ist der häufigste Fehler bei R Multiples. Wer nach dem Nachziehen des Stopps mit dem neuen, engeren Wert rechnet, erzeugt künstlich hohe R Multiples, weil der Nenner schrumpft. Das Ergebnis sieht besser aus, sagt aber nichts mehr über die Qualität der ursprünglichen Entscheidung.
Warum reicht die Angabe in Euro oder Prozent nicht?
Euro-Beträge sind an dein Kapital gekoppelt und damit über die Zeit nicht vergleichbar. Ein Gewinn von 200 Euro auf einem kleinen Konto und derselbe Betrag zwei Jahre später auf einem größeren sind völlig unterschiedliche Leistungen.
Prozentangaben auf den Einstiegskurs sind ebenfalls unbrauchbar, weil sie den Stoppabstand ignorieren. Plus 6 Prozent bei einem Wert mit 2 Prozent Stoppabstand ist plus 3R. Dieselben 6 Prozent bei einem Wert mit 12 Prozent Stoppabstand sind ein halbes R, also ein schwacher Trade. Die Prozentzahl ist identisch, die Qualität ist es nicht.
R löst beides, weil es die einzige Größe verwendet, die du selbst kontrollierst: dein eingegangenes Risiko. Wie du dieses Risiko überhaupt festlegst, steht im Überblick zur Berechnung der Positionsgröße.
Wie liest du eine R-Verteilung?
Der Einzelwert ist wenig interessant. Aussagekräftig wird R, sobald du alle Trades als Verteilung betrachtest. Drei Kennzahlen reichen für den Anfang.
Der Durchschnitt. Das durchschnittliche R über alle Trades ist dein Erwartungswert in Risikoeinheiten. Liegt er bei plus 0,2R, verdienst du im Schnitt ein Fünftel deines Risikos pro Trade. Bei 100 Trades im Jahr und 1 Prozent Risiko je Trade ist das eine Größenordnung, die sich planen lässt.
Der größte Verlust. Er sollte bei etwa minus 1R liegen. Alles darunter bedeutet, dass etwas nicht funktioniert hat: eine Kurslücke, schlechte Ausführung oder ein nicht eingehaltener Stopp. Diese drei Ursachen sind unterschiedlich, aber alle drei gehören sichtbar gemacht.
Der Anteil der Trades jenseits von minus 1R. Das ist im Kern keine Marktkennzahl, sondern eine Disziplinkennzahl. Steigt dieser Anteil, hältst du deine eigenen Stopps nicht ein, oder du handelst Werte, deren Liquidität dein Risiko nicht abbildet.
Nützlich ist außerdem der Blick auf die größten Gewinner. Wenn dein gesamter positiver Erwartungswert von zwei Trades mit plus 8R getragen wird, ist das kein Fehler, aber du solltest es wissen. Es bedeutet, dass die nächsten fünfzig Trades ohne einen solchen Ausreißer wahrscheinlich negativ ausfallen.
Wie hängt R mit Trefferquote und Erwartungswert zusammen?
Der Erwartungswert in R ergibt sich direkt aus zwei Größen:
Erwartungswert = (Trefferquote x durchschnittlicher Gewinn in R) minus ((1 minus Trefferquote) x durchschnittlicher Verlust in R)
Daraus folgt eine praktische Orientierung. Wenn deine Gewinner im Schnitt plus 2R bringen und deine Verlierer minus 1R kosten, brauchst du etwa ein Drittel Trefferquote, um bei null zu landen. Bei durchschnittlich plus 1R Gewinnern brauchst du die Hälfte.
Das ist der Grund, warum die Frage „wie hoch ist deine Trefferquote" ohne die Angabe des durchschnittlichen R nichts bedeutet. Beide Zahlen sind erst gemeinsam eine Aussage.
Welche Fehler passieren bei der R-Berechnung?
Vier Fehler treten regelmäßig auf und verzerren die Auswertung in dieselbe Richtung, nämlich zu optimistisch.
- Rechnen mit dem nachgezogenen Stopp. Siehe oben. Es muss der ursprüngliche Stopp sein, sonst ist die Zahl bedeutungslos.
- Trades ohne Stopp nachträglich mit einem plausiblen Wert versehen. Damit erfindest du den Nenner. Solche Trades gehören als eigene Kategorie ausgewertet, nicht in die R-Statistik gemischt.
- Kosten weglassen. Gebühren und Spread gehören ins Trade-Ergebnis, bevor du durch 1R teilst. Bei engen Stopps verschieben sie das Ergebnis spürbar.
- Teilausstiege ignorieren. Wer die Hälfte bei plus 1R und den Rest bei plus 4R verkauft, hat plus 2,5R erzielt, nicht plus 4R. Jeder Teilausstieg muss mit Menge und Kurs erfasst sein.
Wie erfasst du R sinnvoll im Journal?
Es reichen drei zusätzliche Felder pro Trade: der ursprüngliche Stoppkurs, der daraus errechnete Risikobetrag in Geld und das Ergebnis in R nach Kosten. Alles andere lässt sich daraus ableiten.
Wichtig ist der Zeitpunkt der Erfassung. Der ursprüngliche Stopp muss vor dem Einstieg im Journal stehen, nicht danach. Wird er nachträglich eingetragen, notierst du nicht deine Entscheidung, sondern deine Erinnerung an sie, und die passt sich dem Ergebnis an.
Genau diese Trennung zwischen geplant und tatsächlich ist der Grund, warum ein strukturiertes Trading Journal mehr leistet als eine Ergebnisliste. Es zeigt, ob deine R-Verteilung aus dem Markt kommt oder daraus, dass du deine eigenen Vorgaben nicht eingehalten hast.
Wofür ist R nicht geeignet?
R kennt keine Haltedauer. Ein Trade mit plus 2R über drei Tage und einer über acht Monate sehen identisch aus, obwohl das Kapital völlig unterschiedlich lange gebunden war. Für diesen Aspekt brauchst du zusätzlich die Zeit je Trade.
R kennt außerdem keine Korrelation. Fünf gleichzeitig offene Positionen mit je 1R Risiko sind nicht 5R Gesamtrisiko, wenn alle fünf auf dasselbe Thema setzen. Dann verhalten sie sich an einem schlechten Tag eher wie eine einzige, größere Position.
Und R sagt nichts über den zwischenzeitlichen Kontostand. Zehn Verlusttrades in Folge mit je minus 1R ergeben denselben Durchschnitt wie zehn verteilte, sind aber deutlich schwerer auszuhalten. Dafür brauchst du den maximalen Rückgang.
Fazit
R Multiples normieren jeden Trade auf das eingegangene Risiko und machen damit Ergebnisse über Positionsgrößen, Märkte und Zeiträume hinweg vergleichbar. Entscheidend ist die Disziplin bei der Berechnung: immer der ursprüngliche Stopp, immer nach Kosten, Teilausstiege gewichtet. Und der Blick gehört auf die Verteilung, nicht auf den Einzelwert, insbesondere auf den größten Verlust und den Anteil der Trades jenseits von minus 1R.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispielzahlen sind zur Veranschaulichung gewählt und keine Aussage über erzielbare Ergebnisse. Handel mit Wertpapieren und Kryptowerten ist mit dem Risiko von Verlusten bis zum Totalverlust verbunden.