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Hebel verstehen: Was Leverage wirklich mit deinem Risiko macht

9 Min. Lesezeit

Der Hebel bestimmt, wie viel Kapital du für eine Position binden musst, nicht wie viel du verlierst, wenn dein Stopp auslöst. Dein Risiko ergibt sich aus Stoppabstand mal Stückzahl, und diese Rechnung kennt den Hebel gar nicht. Was er tatsächlich verändert, sind drei andere Dinge: den Abstand zum Liquidationspreis, die Finanzierungskosten und die Wirkung von Kurslücken.

Was macht der Hebel tatsächlich?

Er verändert das Verhältnis zwischen dem Wert deiner Position und dem Betrag, den du dafür hinterlegen musst. Mehr nicht. Eine Position im Wert von zweitausend Euro bleibt eine Position im Wert von zweitausend Euro, unabhängig davon, ob du dafür zweitausend Euro oder vierhundert Euro als Sicherheit stellst.

Diese Feststellung klingt banal und wird trotzdem systematisch anders verstanden. Der Grund liegt in der Sprache: Wer sagt, er handle mit fünffachem Hebel, beschreibt damit seine Sicherheitsleistung und nicht seine Risikobereitschaft, obwohl der Satz nach dem Gegenteil klingt.

Wichtig ist daher die Reihenfolge der Begriffe. Positionswert, Sicherheitsleistung und Risiko sind drei verschiedene Größen. Der Hebel verbindet die ersten beiden und sagt über die dritte nichts.

Warum ist Hebel nicht gleich Risiko?

Weil dein Risiko am Stopp hängt und nicht an der Sicherheitsleistung. Ein Beispiel mit frei gewählten, runden Zahlen macht das deutlich.

Angenommen, dein Konto beträgt 10 000 Euro und du riskierst je Trade ein Prozent, also 100 Euro. Der Abstand zwischen Einstieg und Stopp beträgt zwei Euro. Daraus folgt eine Stückzahl von 50, denn 50 mal zwei Euro ergibt genau deine 100 Euro Risiko. Liegt der Kurs bei 40 Euro, hat die Position einen Wert von 2000 Euro.

Ohne Hebel bindest du dafür 2000 Euro. Mit fünffachem Hebel bindest du 400 Euro. In beiden Fällen verlierst du beim Auslösen des Stopps 100 Euro, denn Stoppabstand und Stückzahl sind identisch. Der Hebel hat dein Risiko nicht verändert, sondern nur, wie viel Kapital anderweitig frei bleibt.

Die Grundlage dieser Rechnung steht unter Positionsgröße berechnen, und die Einheit, in der sich solche Trades vergleichen lassen, unter R Multiple im Trading.

Was verändert der Hebel dann wirklich?

Drei Dinge, und alle drei lassen sich vorher abschätzen.

Den Abstand zum Liquidationspreis

Je weniger Sicherheit du hinterlegst, desto näher liegt der Kurs, bei dem die Position zwangsweise geschlossen wird. Das ist der wichtigste Punkt überhaupt, denn er entscheidet darüber, ob dein Stopp überhaupt zum Zug kommt.

Daraus folgt eine Regel, die sich in einem Satz prüfen lässt: Der Liquidationspreis muss deutlich jenseits deines Stopps liegen. Liegt er davor oder nahe daran, ist nicht mehr dein Stopp der Ausstieg, sondern die Börse, und dann stimmt deine Risikorechnung nicht mehr.

Die Finanzierungskosten

Fremdkapital ist nicht kostenlos. Je nach Produkt fallen Zinsen oder wiederkehrende Ausgleichszahlungen an, und sie bemessen sich am Positionswert und nicht an deiner Sicherheitsleistung.

Das ist der Grund, warum diese Kosten bei hohem Hebel im Verhältnis zum eingesetzten Kapital stark durchschlagen. Die Kosten hängen an der großen Zahl, dein Ergebnis an der kleinen.

Die Wirkung von Kurslücken

Ein Stopp ist eine Anweisung, keine Garantie. Springt der Kurs über dein Stoppniveau hinweg, wirst du schlechter ausgeführt, und der Betrag dieser Abweichung hängt am Positionswert.

Bei hohem Hebel ist der Positionswert im Verhältnis zu deiner Sicherheitsleistung groß, und damit kann eine Lücke einen erheblichen Teil davon aufzehren. Wie sich Stopps sauber platzieren lassen, steht unter Stop Loss richtig setzen.

Wann wird der Hebel dann doch zum Risiko?

Wenn er zur Eingangsgröße der Rechnung wird statt zum Ergebnis. Genau das passiert in der Praxis regelmäßig, und zwar in einem bestimmten Satz: Ich habe tausend Euro Sicherheit und nehme zehnfachen Hebel.

In diesem Satz fehlt der Stopp. Die Positionsgröße folgt aus der verfügbaren Sicherheit und aus einer Zahl, die sich gut anfühlt, statt aus dem Abstand zum Ausstieg. Das Ergebnis ist eine Position, deren Risiko niemand ausgerechnet hat.

Der Hebel ist also nicht deshalb gefährlich, weil er Risiko erzeugt, sondern weil er es erlaubt, die Rechnung zu überspringen. Ohne Hebel begrenzt das Kapital die Positionsgröße von selbst. Mit Hebel fällt diese Bremse weg, und an ihre Stelle muss eine Regel treten.

Wie rechnest du richtig?

In dieser Reihenfolge, wobei der Hebel am Ende steht und nicht am Anfang:

  1. Kontostand und Risiko je Trade festlegen, in Prozent oder als fester Betrag.
  2. Stoppabstand bestimmen, aus der Struktur des Marktes und nicht aus dem gewünschten Ergebnis.
  3. Stückzahl ausrechnen: Risikobetrag geteilt durch Stoppabstand.
  4. Positionswert ermitteln: Stückzahl mal Kurs.
  5. Erforderliche Sicherheit prüfen und erst daraus ablesen, welcher Hebel sich ergibt.
  6. Liquidationspreis prüfen und mit dem Stopp vergleichen.

Wenn sich in Schritt fünf ein Hebel ergibt, der über deiner selbst gesetzten Obergrenze liegt, ist das ein Signal, den Trade kleiner zu machen oder zu lassen. Es ist kein Anlass, den Stopp enger zu setzen, damit die Rechnung aufgeht.

Sagt der angebotene Hebel etwas über den sinnvollen?

Nein. Der maximal angebotene Hebel ist eine Eigenschaft des Produkts und keine Empfehlung. Er beschreibt, was technisch möglich ist, und beantwortet die Frage nach der passenden Positionsgröße nicht einmal ansatzweise.

Verwechselt wird das deshalb, weil der angebotene Hebel prominent angezeigt wird und die eigene Rechnung nicht. Wer sich daran orientiert, übernimmt eine Zahl aus der Produktbeschreibung als Entscheidung für das eigene Konto.

Der Hebel, der für dich gilt, ergibt sich aus Schritt fünf der Rechnung oben. Er ist bei jedem Trade ein anderer, weil er vom Stoppabstand abhängt, und genau das unterscheidet ihn vom angebotenen Wert, der konstant bleibt. Eine sinnvolle eigene Obergrenze ist deshalb eine Zahl, die du festlegst, und nicht die, die dein Anbieter zulässt.

Was gilt bei Produkten mit eingebautem Hebel?

Bei Produkten, deren Hebel im Produkt steckt statt in einer separaten Sicherheitsleistung, gilt dieselbe Systematik mit einer zusätzlichen Größe: einer Schwelle, bei deren Berührung das Produkt wertlos verfällt oder abgerechnet wird.

Diese Schwelle übernimmt die Rolle des Liquidationspreises aus dem Abschnitt oben, und die Prüfung ist dieselbe. Sie muss jenseits deines Stopps liegen, sonst entscheidet das Produkt über deinen Ausstieg und nicht du.

Zwei Punkte kommen hinzu. Erstens ist dein maximaler Verlust auf den Einsatz begrenzt, was ein Vorteil ist, aber nichts daran ändert, dass ein Berühren der Schwelle diesen Einsatz vollständig aufzehren kann. Zweitens verschiebt sich die Schwelle bei manchen Produkten im Zeitverlauf, weshalb sie beim Einstieg festzuhalten und regelmäßig zu prüfen ist.

Welche Felder gehören ins Journal?

Vier zusätzliche, damit sich Trades mit unterschiedlichem Hebel überhaupt vergleichen lassen. Ohne sie mischst du in derselben Spalte Dinge, die nicht vergleichbar sind.

  • Positionswert beim Einstieg, nicht nur die Stückzahl.
  • Hinterlegte Sicherheit, weil sich daraus der tatsächliche Hebel ergibt.
  • Liquidationspreis beim Einstieg, damit der Abstand zum Stopp auswertbar wird.
  • Finanzierungskosten als eigene Spalte mit Vorzeichen, getrennt vom Kursergebnis.

Mit diesen Feldern kannst du zwei Fragen beantworten, die sonst offenbleiben. Erstens: Liegt der Liquidationspreis bei deinen Verlusttrades systematisch zu nah am Stopp? Zweitens: Wie groß ist der Anteil der Finanzierungskosten am Ergebnis, getrennt nach Haltedauer?

Ein Trading Journal mit Anbindung liefert Positionswert und Kosten meist automatisch. Der Liquidationspreis dagegen ist ein Wert zum Zeitpunkt des Einstiegs und muss festgehalten werden, weil er sich später nicht rekonstruieren lässt.

Wie wirkt Hebel über mehrere Positionen?

Verstärkend, und zwar an der Stelle, die am wenigsten beachtet wird. Werden mehrere gehebelte Positionen gleichzeitig gehalten, addiert sich nicht nur das Risiko, sondern auch die Beanspruchung der Sicherheit.

Bewegen sich diese Positionen gemeinsam gegen dich, sinkt deine freie Sicherheit für alle zugleich, und die Liquidationspreise rücken gemeinsam näher. Aus mehreren unabhängig geplanten Trades wird dann ein einziger Vorgang. Warum gleichzeitig gehaltene Positionen häufig demselben Treiber folgen, steht unter Korrelation im Depot.

Die praktische Konsequenz ist eine zweite Obergrenze neben dem Risiko je Trade: eine Grenze für das gesamte offene Risiko und, bei gehebelten Produkten, für die gleichzeitig gebundene Sicherheit.

Häufige Fragen