Korrelation im Depot: Warum fünf Positionen oft nur eine sind
Fünf offene Positionen sind nicht automatisch fünf Risiken. Wenn alle fünf am selben Thema hängen, verhalten sie sich an einem schlechten Tag wie eine einzige Position mit fünffacher Größe. Die Zahl, die zählt, ist deshalb nicht das Risiko je Trade, sondern das addierte offene Risiko über alle Positionen.
Was bedeutet Korrelation im Handelskonto konkret?
Korrelation beschreibt, wie stark sich zwei Kurse gemeinsam bewegen. Für dein Konto ist aber nur eine Teilfrage davon interessant: ob sich deine Positionen an den wenigen wirklich schlechten Tagen gemeinsam bewegen.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Über ruhige Monate hinweg können zwei Werte durchaus eigene Wege gehen. Genau in den Phasen, in denen breit verkauft wird, laufen sie trotzdem parallel. Die Streuung, die du im Normalbetrieb siehst, ist also nicht die Streuung, auf die es ankommt.
Für die Praxis brauchst du deshalb keinen Korrelationskoeffizienten. Es reicht die Frage: Wenn heute die schlechteste Nachricht für mein Hauptthema käme, wie viele meiner Positionen wären betroffen?
Warum ist die Streuung oft nur scheinbar?
Weil sich Positionen nach Namen unterscheiden, nach Treiber aber nicht. Drei Werte aus derselben Branche, zwei Rohstoffwerte mit demselben Absatzmarkt oder fünf Kryptowerte mit unterschiedlichen Tickern teilen sich jeweils denselben Auslöser.
Dazu kommt ein Effekt, der aus dem Setup selbst stammt: Wer nach einem einzigen Kriterium sucht, etwa nach frischen Ausbrüchen, findet an einem Tag typischerweise Kandidaten, die alle aus demselben Grund ausbrechen. Das Screening liefert also nicht fünf unabhängige Ideen, sondern fünf Ausdrucksformen derselben Idee. Wie zuverlässig solche Signale überhaupt sind, steht unter Stop Loss richtig setzen.
Die Rechnung dahinter ist einfach. Wer sein Risiko je Trade sauber auf ein Prozent begrenzt und fünf Positionen hält, glaubt an ein Prozent Risiko. Bewegen sich alle fünf gemeinsam gegen ihn, sind es fünf Prozent an einem Tag. Beide Zahlen stimmen, aber nur die zweite beschreibt, was tatsächlich passieren kann.
Warum ist der Effekt bei Krypto stärker?
Weil dort ein einzelnes Thema einen größeren Anteil der Bewegung erklärt. In starken Abwärtsphasen fällt der Markt sehr breit, unabhängig davon, wie unterschiedlich die einzelnen Projekte inhaltlich sind.
Dazu kommen zwei strukturelle Verstärker. Erstens Hebel: Wer mit Fremdkapital arbeitet, wird bei einer gemeinsamen Bewegung nicht nur gleichzeitig getroffen, sondern auch gleichzeitig zur Nachschusspflicht oder zur Zwangsliquidierung gedrängt. Zweitens die Handelszeit: Ein durchgehend geöffneter Markt kennt keine Nacht, in der sich eine Bewegung verteilt.
Praktische Folge: Wer im Kryptobereich handelt, sollte seine Gruppierung gröber wählen als bei Aktien und im Zweifel den gesamten Bereich als eine einzige Gruppe behandeln.
Wie misst du dein addiertes offenes Risiko?
Über eine einzige Zahl, die du jederzeit ablesen kannst: die Summe der Abstände zwischen Einstiegskurs und Stop über alle offenen Positionen, jeweils in Prozent deines Kontos oder in R.
Drei Punkte machen diese Zahl brauchbar:
- Sie ist aktuell, nicht historisch. Wird ein Stop nachgezogen, sinkt der Beitrag dieser Position. Wer den Einstiegswert stehen lässt, überschätzt sein Risiko dauerhaft.
- Sie ist einheitlich. In R gerechnet lassen sich Aktien, Derivate und Kryptowerte addieren, in Euro nur bei identischer Kontowährung. Wie R funktioniert, steht unter R Multiple im Trading.
- Sie ist sichtbar. Eine Kennzahl, die du erst zusammenrechnen musst, wirkt in dem Moment nicht, in dem du sie brauchst, nämlich vor dem nächsten Einstieg.
Diese Summe ist die ehrlichere Version dessen, was die Ein-Prozent-Regel je Trade regeln soll. Ihre Grundlage steht in Positionsgröße berechnen.
Wie gruppierst du Positionen sinnvoll?
Grob und schriftlich. Der Fehler ist nicht eine zu ungenaue Gruppierung, sondern gar keine.
Vergib je Position ein Thema aus einer festen, kurzen Liste. Vier bis sechs Gruppen reichen für die meisten Konten, etwa nach Branche, Region oder Anlageklasse, im Kryptobereich zusätzlich nach dem übergeordneten Ökosystem. Entscheidend ist, dass die Liste vorher feststeht und nicht während des Handelstags erweitert wird.
Im Zweifel gehören zwei Positionen in dieselbe Gruppe. Wer sich unsicher ist, ob zwei Werte zusammenhängen, hat die Frage praktisch schon beantwortet, denn eine Trennung müsste sich begründen lassen. Die Kosten einer zu groben Gruppierung sind ein paar verpasste Trades, die Kosten einer zu feinen sind ein Tag mit fünffachem Risiko.
Welche Obergrenze ist sinnvoll?
Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten, aber die Struktur der Antwort schon. Du brauchst zwei Grenzen statt einer.
Die erste begrenzt das gesamte offene Risiko über alle Positionen. Sie ist die eigentliche Bremse und beantwortet die Frage, was ein einzelner sehr schlechter Tag maximal kosten darf. Die zweite begrenzt das offene Risiko je Themengruppe und verhindert, dass die erste Grenze vollständig von einem einzigen Thema ausgefüllt wird.
Beide Zahlen leitest du aus deinem verkraftbaren Rückgang ab und nicht aus der Anzahl der Signale, die du gerade siehst. Was ein normaler Rückgang ist und was nicht, steht unter Drawdown im Trading.
Was tust du, wenn die Grenze erreicht ist?
Die Konsequenz muss vorher feststehen, sonst wird sie im Moment des guten Signals neu verhandelt. Drei Reaktionen sind zulässig, und alle drei sind Entscheidungen und keine Ausnahmen.
- Nicht einsteigen. Die einfachste Variante und in den meisten Fällen die richtige.
- Kleiner einsteigen, sodass die Summe die Grenze nicht überschreitet. Das ist zulässig, solange die Größe aus der Rechnung folgt und nicht aus dem Wunsch, dabei zu sein.
- Platz schaffen, indem du bei einer bestehenden Position aus derselben Gruppe den Stop nachziehst oder sie schließt. Wichtig ist, dass diese Entscheidung auf der bestehenden Position beruht und nicht auf dem neuen Signal.
Was nicht zulässig ist: die Grenze anheben, während eine Position offen ist. Diese Anpassung fällt immer in die Richtung mehr Risiko und nie in die andere.
Zählen Gegenpositionen als Ausgleich?
Nur eingeschränkt, und die Frage verdient eine eigene Antwort, weil sie oft als Freibrief für mehr Positionen benutzt wird.
Eine Gegenposition in derselben Themengruppe reduziert dein gemeinsames Risiko rechnerisch, aber sie beseitigt es nicht. Zwei Gründe: Erstens ist die Beziehung zwischen den beiden Kursen nicht stabil, sondern verschiebt sich genau in bewegten Phasen. Zweitens hat jede Position eigene Kosten und einen eigenen Stop, sodass zwei sich rechnerisch aufhebende Positionen zusammen trotzdem verlieren können.
Für die Praxis heißt das: Rechne eine Gegenposition nicht gegen dein offenes Risiko auf, sondern behandle sie als eigene Position mit eigenem Beitrag zur Summe. Wer sie herausrechnet, senkt eine Kennzahl statt ein Risiko. Wenn du bewusst absicherst, halte das im Journal fest, damit sich später auswerten lässt, ob die Absicherung ihr Geld wert war.
Wie prüfst du im Nachhinein, ob deine Gruppierung gestimmt hat?
Über die schlechten Tage, nicht über den Durchschnitt. Nimm dir die zehn schlechtesten Handelstage deiner Historie und schau nach, wie viele Positionen jeweils gleichzeitig im Minus lagen und aus welchen Gruppen sie kamen.
Zwei Muster sind dabei aufschlussreich. Wenn an diesen Tagen regelmäßig Positionen aus verschiedenen Gruppen gemeinsam verloren haben, ist deine Gruppierung zu fein und du solltest Gruppen zusammenlegen. Wenn deine schlechtesten Tage dagegen nur aus einer Gruppe stammen, funktioniert die Einteilung, und die Frage ist eher die Höhe der Gruppengrenze.
Voraussetzung dafür ist, dass Thema und Zeitstempel je Trade erfasst sind. Ein sauber geführtes Trading Journal liefert beides ohne Zusatzaufwand, weil der Zeitstempel aus der Anbindung kommt und nur das Thema von dir gesetzt wird.
Wo endet dieses Thema und wo beginnt Drawdown?
Die Unterscheidung ist zeitlich. Korrelation ist die Ursache vor dem Verlust und lässt sich vorab begrenzen. Drawdown ist die Folge danach und lässt sich nur noch messen und aushalten.
Deshalb greifen unterschiedliche Werkzeuge. Gegen einen aufgelaufenen Rückgang hilft eine Regel für die Erholung, gegen versteckte Korrelation hilft ausschließlich eine Grenze, die vor dem Einstieg gilt. Wer nur den Rückgang beobachtet, misst zuverlässig die Folgen einer Ursache, die er nicht bearbeitet.
Ein letzter Punkt: Eine Grenze für das Gesamtrisiko macht dein Konto nicht sicher, sondern nur die Größe eines schlechten Tages planbar. Das ist weniger, als es klingt, und trotzdem der Unterschied zwischen einem Rückschlag und einem Schaden, von dem sich das Konto nicht erholt.