Risiko pro Tag und pro Woche: Warum eine Grenze pro Trade nicht reicht
Eine Grenze je Trade begrenzt den Einzelfall und sonst nichts. Sie sagt nicht, was ein schlechter Tag kostet, denn Trades addieren sich nacheinander, und sie sagt nicht, was eine schlechte Woche kostet, denn Positionen addieren sich zusätzlich gleichzeitig. Dagegen hilft nur eine Struktur aus drei Ebenen, deren Konsequenzen vorher schriftlich feststehen.
Warum reicht eine Grenze je Trade nicht?
Weil sie eine Aussage über einen Trade macht und nicht über deren Summe. Wer sein Risiko je Trade sauber auf ein Prozent begrenzt und an einem Tag sechs Trades macht, hat an diesem Tag bis zu sechs Prozent riskiert, ohne eine einzige Regel verletzt zu haben.
Das ist der entscheidende Punkt: Der Tag mit sechs Verlusten ist kein Regelverstoß, sondern ein regelkonformes Ergebnis einer Regel, die für diesen Fall nicht gedacht war. Genau deshalb fühlen sich solche Tage so unerklärlich an.
Zwei Wege führen zur Häufung. Zeitlich, indem mehrere Trades nacheinander stattfinden, und gleichzeitig, indem mehrere Positionen parallel offen sind. Der erste Weg verlangt eine Tages- und Wochengrenze, der zweite eine Obergrenze für das offene Risiko. Die Grundlage der Rechnung je Trade steht unter Positionsgröße berechnen.
Welche drei Ebenen brauchst du?
Die Tagesgrenze
Sie begrenzt, was ein einzelner Handelstag kosten darf, gerechnet in R oder in Prozent des Kontos. Sie ist die wichtigste der drei, weil sich die meisten teuren Tage in wenigen Stunden entwickeln und eine Wochengrenze dann bereits zu spät greift.
Sinnvoll ist eine Zahl, die ein Vielfaches deines Risikos je Trade beträgt und trotzdem deutlich unter dem liegt, was du an einem einzigen Tag verkraften willst. Wo genau sie liegt, leitest du unten ab.
Die Wochengrenze
Sie fängt den Fall auf, in dem mehrere mäßige Tage zusammenkommen, von denen keiner die Tagesgrenze erreicht hat. Dieser Fall ist unauffälliger als der eine schlechte Tag und in der Summe oft teurer.
Wichtig ist, dass die Wochengrenze kleiner ist als das Fünffache der Tagesgrenze. Andernfalls ist sie rechnerisch nie erreichbar und damit wirkungslos.
Das addierte offene Risiko
Diese Ebene betrifft nicht die Vergangenheit, sondern den Moment: die Summe der Abstände zwischen Einstieg und Stopp über alle offenen Positionen. Sie beantwortet die Frage, was passiert, wenn alles gleichzeitig gegen dich läuft.
Sie ist besonders dann relevant, wenn deine Positionen demselben Thema folgen und sich deshalb gemeinsam bewegen. Warum das häufiger vorkommt als erwartet, steht unter Korrelation im Depot.
Wie leitest du die Zahlen ab?
Von unten nach oben, und zwar aus dem Rückgang, den du verkraften willst, und nicht aus der Zahl der Signale, die du gerade siehst.
- Beginne bei der Wochengrenze. Frage dich, welcher Rückgang in einer einzelnen Woche für dich noch handhabbar ist, ohne dass sich dein Verhalten in der Folgewoche ändert.
- Leite die Tagesgrenze daraus ab, als Bruchteil der Wochengrenze. Ein Tag sollte die Woche nicht allein ausfüllen können.
- Prüfe gegen dein Risiko je Trade. Die Tagesgrenze sollte einem kleinen Vielfachen davon entsprechen, sonst passt eine der beiden Zahlen nicht.
- Setze die Grenze für das offene Risiko separat, denn sie hat einen anderen Bezug: Sie misst einen Zustand und keine Summe über Zeit.
Was ein normaler Rückgang über längere Zeiträume ist und was nicht, hilft bei der Einordnung dieser Zahlen, siehe Drawdown im Trading.
Zählt eine Grenze netto oder brutto?
Das ist die Detailfrage, an der die meisten Umsetzungen scheitern, und sie muss vorher beantwortet werden. Die Frage lautet: Füllt ein Gewinn dein Tagesbudget wieder auf?
Rechnest du netto, kann ein Gewinn am Vormittag den Verlust vom Morgen ausgleichen, und du handelst weiter, als wäre nichts geschehen. Das klingt fair, hebt die Grenze aber in genau den Situationen auf, in denen sie wirken soll, denn ein zwischenzeitlicher Gewinn sagt nichts darüber, ob dein Tag gut läuft.
Die robustere Variante ist deshalb, die realisierten Verluste getrennt zu zählen und nicht mit Gewinnen zu verrechnen. Die Grenze ist dann eine Aussage über Verbrauch und nicht über den Kontostand.
Welche Variante du wählst, ist weniger wichtig als die Tatsache, dass du dich einmal entscheidest und es aufschreibst. Was nicht funktioniert, ist die Entscheidung im laufenden Tag, denn sie fällt immer zugunsten des Weiterhandelns.
Was passiert, wenn eine Grenze erreicht ist?
Genau das, was du vorher aufgeschrieben hast, und nichts anderes. Ohne festgelegte Konsequenz ist eine Grenze eine Beobachtung und keine Regel.
Üblich und bewährt sind drei Konsequenzen, je nach Ebene:
- Tagesgrenze erreicht: Handelsschluss für diesen Tag, ohne Ausnahme für ein besonders gutes Signal.
- Wochengrenze erreicht: Handelsschluss für die Woche, wobei bestehende Positionen nach Plan weitergeführt werden.
- Offenes Risiko erreicht: kein neuer Einstieg, bis Platz entsteht, entweder durch das Nachziehen eines Stopps oder durch das Schließen einer Position.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Schließen und Nichteröffnen. Eine erreichte Tages- oder Wochengrenze verlangt nicht, bestehende Positionen aufzulösen, denn die haben ihre eigenen Ausstiegsregeln, siehe Stop Loss richtig setzen. Sie verlangt, keine neuen zu eröffnen.
Warum muss die Konsequenz vorher feststehen?
Weil sie in dem Moment abgefragt wird, in dem du am wenigsten bereit bist, sie einzuhalten. Nach drei Verlusten wirkt jedes Signal wie die Gelegenheit, den Tag noch zu drehen, und genau dieser Gedanke macht den Rest des Tages teuer.
Eine schriftlich festgelegte Konsequenz nimmt dir diese Entscheidung ab. Sie wird nicht getroffen, sondern nur abgelesen, und das ist der ganze Unterschied zwischen einer Regel und einem Vorsatz.
Ergänzend hilft ein sichtbarer Zähler. Eine Grenze, die du erst zusammenrechnen musst, wirkt im entscheidenden Moment nicht, weil das Nachrechnen genau dann unterbleibt.
Brauchst du zusätzlich eine Monatsgrenze?
Meistens nicht, und das hat zwei Gründe. Der erste ist zeitlich: Eine Monatsgrenze greift so spät, dass der Schaden bereits entstanden ist, während Tages- und Wochengrenze die Häufung genau dort abfangen, wo sie entsteht.
Der zweite ist praktischer Natur. Eine erreichte Monatsgrenze sperrt dich für einen langen Zeitraum aus, und lange Pausen sind schwerer durchzuhalten als kurze. Eine Regel, die im Ernstfall gebrochen wird, ist schlechter als eine engere, die hält.
Sinnvoll ist eine Monatsbetrachtung deshalb eher als Auswertung denn als Grenze. Schau dir am Monatsende an, wie viele Tage eine Grenze erreicht haben und wie sich der Verbrauch über die Wochen verteilt hat. Daraus entsteht die Grundlage, um Tages- und Wochengrenze für den nächsten Monat zu prüfen, und zwar außerhalb der Handelszeit.
Wie grenzt sich das von Drawdown ab?
Zeitlich und in der Wirkung. Der Drawdown misst einen aufgelaufenen Rückgang im Nachhinein und beschreibt, wo du stehst. Tages- und Wochengrenzen greifen vorher und bestimmen, wie tief es überhaupt gehen kann.
Beides gehört zusammen, ersetzt sich aber nicht. Wer nur den Rückgang beobachtet, hat eine Kennzahl und keine Bremse. Wer nur Grenzen setzt, ohne den Verlauf zu messen, weiß nicht, ob seine Grenzen zur eigenen Streuung passen.
Was erfasst du im Journal?
Drei Angaben, die alle mit wenig Aufwand entstehen und ohne die sich die Wirkung nicht prüfen lässt.
Erstens den Tagesverbrauch je Handelstag in R, damit du die Verteilung über Wochen sehen kannst. Zweitens die Zahl der Tage, an denen eine Grenze erreicht wurde, und was danach passiert wäre. Drittens jeden Fall, in dem du über eine Grenze hinaus gehandelt hast, denn der Anteil dieser Fälle ist die eigentliche Erfolgsmessung.
Ein Trading Journal mit Zeitstempeln aus der Anbindung liefert den Tagesverbrauch automatisch, sobald das Risiko je Trade erfasst ist. Die dritte Angabe muss von dir kommen und ist die einzige, die Aufwand bedeutet.
Was tust du, wenn eine Grenze regelmäßig gerissen wird?
Nicht die Grenze anheben, sondern die Ursache bestimmen. Eine gelegentliche Überschreitung in den ersten Wochen ist normal, eine regelmäßige ist ein Hinweis, und zwar meist auf eine von zwei Ursachen.
Entweder war die Zahl zu niedrig angesetzt und passt nicht zu deiner tatsächlichen Handelsweise. Dann rechne sie einmalig und schriftlich neu, außerhalb der Handelszeit. Oder die Grenze wird als Empfehlung behandelt statt als Regel, und dann ist die Zahl nicht das Problem.
In beiden Fällen gilt dieselbe Vorgehensweise: Überschreitung notieren, Tag oder Woche zu Ende handeln, und am Wochenende mit den Zahlen vor dir entscheiden.